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Sollten COVID-19-Patienten mit Spenderniere oder Dialyse ambulant oder besser stationär behandelt werden? Zwei Studien zeigen klinische Parameter auf, die bei der Antwort helfen können.

Zwei Studien haben sich mit einer in der COVID-19-Pandemie besonders vulnerablen Patientengruppe beschäftigt: Menschen, die eine Nierentransplantation hinter sich haben oder eine Dialyse benötigen und mit dem neuen Coronavirus erkranken. Von beiden Studien berichtet die American Society of Nephrology (ASN) in ihrem Fachjournal.

In der ersten Studie ging das Team des Columbia University Medical Center der Frage nach, ob Patienten mit Nierentransplantation und damit einhergehender Immunsuppression bei COVID-19-Erkrankung oder -Verdacht in eine Klinik eingewiesen werden sollten oder ob sie ambulant behandelt werden können (CJASN 2020; online 1. Juli).

Zu diesem Thema hatten sich erst kürzlich europäische Nephrologen geäußert und besondere Aufmerksamkeit und Schutzmaßnahmen für COVID-19-Patienten nach Nierentransplantation gefordert und ebenso für Patienten, die der Hämo- oder Peritonealdialyse bedürfen. So hätten etwa in Spanien Dialyse-Patienten mit COVID-19 im Vergleich zu nierengesunden Betroffenen ein vierfach höheres Sterberisiko gehabt.

Kreatinin-Spiegel im Blick behalten!

Das Team des Columbia University Medical Centers kommt nun allerdings zu dem Schluss, dass Patienten nach Nierentransplantation bei einer SARS-CoV-2-Infektion nicht unbedingt stationär aufgenommen werden müssten. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine umfassende ambulante Versorgung von COVID-19-Patienten mit Nierentransplantation adäquat sein kann“, wird einer der Studienautoren in einer Mitteilung der ASN zitiert. Bei der ambulanten Betreuung sollten die Patienten allerdings engmaschig und über einen längeren Zeitraum überwacht werden, da bei vielen Patienten eine Besserung der Symptome erst nach mehreren Wochen eintrat.

Insgesamt analysierten Dr. Sumit Mohan und seine Kollegen die Daten von 41 Patienten, die eine Spenderniere erhalten hatten und mit COVID-19 (bestätigt oder Verdacht) in ihre Klinik aufgenommen worden waren. Nur 13 Patienten (32 Prozent) hätten schlussendlich stationär behandelt werden müssen. Diese hätten bei Aufnahme häufiger von Kurzatmigkeit berichtet, zudem lag ihr Kreatinin-Spiegel höher (2,0 versus 1.3 mg/dl), schreiben die Ärzte. Dies könnten daher klinische Parameter sein, die für eine stationäre Aufnahme von Nierenpatienten mit COVID-19 oder COVID-19-Verdacht sprechen.

Nun ist eine Fallserie mit 41 Patienten nicht unbedingt aussagekräftig, die Mahnungen der europäischen Nephrologen dagegen fußen auf Daten aus mehreren europäischen Ländern, darunter Spanien, Italien und Deutschland, sowie europäische Registerdaten. Dies spricht eher dafür, bei COVID-19-Patienten, die eine Nierentransplantation hinter sich haben oder eine Dialyse benötigen, besonders vorsichtig zu sein. Dennoch liefert die Fallserie ein wichtiges Ergebnis: Ärzte sollten bei COVID-19-Patienten mit Nierentransplantation den Kreatinin-Spiegel im Blick haben.

Langfristige ambulante Betreuung

In der zweiten von der ASN zitierten Studie verglich ein Team der Universität Wuhan den Verlauf von COVID-19 bei Patienten, die eine Dialyse benötigten, mit dem Krankheitsverlauf von nierengesunden COVID-19-Patienten (CJSAN 2020; online 1. Juli). Die 101 Patienten waren zu Beginn der Pandemie im Tongren Hospital der Universität Wuhan behandelt worden.

 

Dialyse-Patienten und Patienten nach Nierentransplantation sind besonders gefährdet, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren und erkranken oft vergleichsweise schwer. Nephrologen sehen deswegen Handlungsbedarf.

Die Ärzte stellten ein höheres Risiko für schwere bis tödliche Verläufe bei nierenkranken COVID-19-Patienten fest: Komplikationen wie ein Schock, Lungenversagen (ARDS), Arrhythmien und akute kardiale Beeinträchtigungen waren bei dialysepflichtigen COVID-19-Patienten signifikant häufiger als bei nierengesunden COVID-19-Patienten. 14 Prozent der dialysepflichtigen Patienten starben, bei den Nierengesunden waren es lediglich 2 Prozent. 82 Prozent der Nierenkranken konnten innerhalb von etwa drei Monaten entlassen werden, bei den Nierengesunden waren es 96 Prozent. Auch diese Ergebnisse sprechen daher dafür, nierenkranke COVID-19-Patienten mit besonderer Aufmerksamkeit zu behandeln und Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Die Wissenschaftler um Professor Jun Wu berichten zudem, dass bei einigen dialysepflichtigen COVID-19-Patienten kein Fieber aufgetreten sei. Dies könne die Diagnose erschweren und dazu führen, dass diese Patienten bei Untersuchungen falsch eingeschätzt würden. Im Fall der chinesischen dialysepflichtigen COVID-19-Patienten wurden zumeist Fatigue und Erbrechen berichtet – also Symptome, die auch auf Urämien weisen können.

In einem Editorial zu den Studienergebnissen betonen Dr. Maria Ajaimy und Dr. Michal L. Melamed vom Albert Einstein College of Medicine die Relevanz der beiden Studien für das Patientenmanagement (CJASN 2020; online 1. Juli). Beide Untersuchungen stellten wichtige Parameter zur Diskussion, anhand derer Ärzte den Krankheitsverlauf bei COVID-19-Patienten mit Nierenerkrankungen abschätzen können. Zudem werde deutlich, dass bei ambulanter Therapie eine lange Betreuung nötig sei, betonen Ajaimy und Melamed.

Außer Acht lassen die Autoren dabei nicht die Limitierungen der beiden Studien aufgrund der geringen Patientenzahl und der Tatsache, dass es sich um Single-Center-Studien handle. Dringend seien daher weitere Untersuchungen nötig, eine klare Guideline zur Behandlung gebe es derzeit nicht.

 

Quelle:  9.7.2020