„Der menschliche Körper wird nicht 'verstaatlicht'“

Medizinethiker Norbert Paul spricht über das notleidende Transplantationssystem in Deutschland, die Widerspruchslösung und seinen Traum von TV-Galas für Organspenden.

 

Herr Paul, besitzen Sie einen Organspendeausweis?
Ja, natürlich.

Warum?
Wir haben das in der Familie diskutiert und entschieden. Denn wir leben ja in einem Land mit einem funktionierenden Organspendesystem. Sollte jemand von uns irgendwann selbst ein Spenderorgan brauchen, denken wir, dass wir mit einer gewissen Wartezeit auch eins bekommen. Das heißt für mich und die ganze Familie, dass wir selbst bereit sind, zu spenden. Einfach um dieses System zu unterstützen.

Umfragen zufolge denken etwa 80 Prozent der Bürger im Prinzip so wie Sie. Aber nur jeder Dritte hat auch wirklich einen Spenderausweis – einer der Gründe für die extrem niedrigen Organspendezahlen bei uns. Warum ist das so?
Ich glaube, das ist in weiten Teilen immer noch Bequemlichkeit. Auch ist das Thema in unserer Gesellschaft nicht durchweg positiv besetzt, damit kommt eine gewisse Unsicherheit hinzu. Eine Rolle spielt auch, dass ich mich, wenn ich meinen Ausweis ausfülle, mit meinem eigenen Tod beschäftigen muss. Ich finde es schon merkwürdig, dass viele Menschen das Thema so großräumig meiden.

Sehr viele andere Länder sparen sich das Problem mit den fehlenden Spenderausweisen. Sie haben eine Widerspruchslösung, wonach im Todesfall jeder als Organspender gilt, der nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen haben. Gerade erst haben die Niederlande dieses System eingeführt. Wäre das auch was für uns?
Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich das auch aus ethischen Gründen für die konsequentere Lösung halte, vor allem weil wir in einem Bildungsland leben. Die Information, dass man automatisch Spender ist, wenn man nicht ausdrücklich widerspricht, kann bei den richtigen Strukturen jeden erreichen. Ich sehe auch kein Gerechtigkeitsproblem, wie viele Gegner, die sagen: Die, die keinen guten Zugang zu solchen Informationen haben, laufen Gefahr, sozusagen „aus Versehen“ Spender zu werden. Im Gegenteil: Wir haben dann ein Gerechtigkeitsproblem, wenn ich sage, ich fülle keinen Spenderausweis aus – aber im Krankheitsfall will ich dann schon ein Organ. Wenn man erwartet, zu Lebzeiten bei Bedarf ein Spenderorgan zu bekommen, dann steht man in der ethischen Pflicht, nach dem Ableben Organe zu spenden, zumal man dadurch gar keinen eigenen Schaden erleidet.

Die Gegner der Widerspruchs-
lösung verweisen gern auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Geht das Verfügungsrecht über den eigenen Körper nicht über den Tod hinaus? Die Menschenwürde endet ja nicht mit dem Tod.
Die Menschenwürde endet in der Tat nicht. Allerdings ist das volle Verfügungsrecht über unseren Körper im täglichen Zusammenleben ja ohnehin oft eingeschränkt …

Inwiefern?
Denken Sie nur an bestimmte Vorschriften zur Arbeits- und Verkehrssicherheit. Dass Sie sich im Flugzeug anschnallen müssen und nicht frei herumlaufen dürfen, ist ja im Prinzip eine freiheitsberaubende Maßnahme. Wichtiger ist noch: Die höchst persönliche Würde des Menschen, wie sie im Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper zum Ausdruck kommt, wird ihm mit der Widerspruchslösung ja nicht genommen. Er kann ja widersprechen. Damit gründet die Widerspruchslösung eindeutig auf Freiwilligkeit, nicht etwa auf der Sozialpflichtigkeit der Organspende. Hier wird keinesfalls der menschliche Körper „verstaatlicht“, wie manche Kritiker behaupten.

Wie sollte man eine Widerspruchslösung ausgestalten?
Zu einer sauberen Widerspruchslösung gehört auf jeden Fall eine gute Widerspruchsdatei, ähnlich wie in Österreich, in der alle Widersprüche erfasst werden. Zentral ist die Information der Bevölkerung. Aus den USA kenne ich die Übersendung von Organspende-Informationen mit dem Führerschein. Der Führerscheinerwerb ist ja, wie etwa der Handykauf, eine Lebenssituation, die fast jeder von uns hat, und es ist durchaus denkbar, dass man die Aufklärung, dass man prinzipiell Organspender ist, es sei denn, man widerspricht, auf solchen Wegen an die Frau und an den Mann bringt. Wenn das alles gelingt, passiert wahrscheinlich nicht gleich der erwartete Aufschwung in den Organspende-Zahlen, aber es entlastet die Situation in der Klinik ganz erheblich.

Was meinen Sie damit?
Derzeit müssen mit Eintreten des Hirntodes geschulte Ärztinnen und Ärzte mit Angehörigen ein ergebnisoffenes Gespräch über Organspende führen, meist ohne dass man weiß, was der Hirntote genau gewünscht hätte. Die Ablehnungsquote bei Angehörigen in solchen Gesprächen steigt derzeit. Das liegt auch an der Zumutung, die diese Situation darstellt: Sie verlieren gerade einen geliebten Menschen und sollen dann auch noch so etwas Wichtiges entscheiden. Wenn dagegen, wie bei einer Widerspruchslösung, klar ist, dass eine Organspende im Prinzip in Frage kommt und sie als Angehörige nur widersprechen müssen, wenn sie selbst es gar nicht wollen, ist die Situation sehr stark entlastet.

Sie plädieren also dafür, dass Angehörige bei einer möglichen Widerspruchslösung ein Vetorecht bekommen sollten?
Ja, eindeutig. Auch in Österreich gibt es ja für Angehörige diese Möglichkeit, wenn die Organentnahme beim Hirntoten für sie eine unerträgliche Belastung ist. Sie können dann, trotz der Bereitschaft des Verstorbenen, ihre Zustimmung verweigern.

Aber warum steigt hierzulande die Ablehnungsquote seitens der Angehörigen? Die Zumutung während der Sterbesituation, von der Sie sprachen, war ja
immer schon gegeben.
Wir haben einen erheblichen Zuwachs an Patientenverfügungen über einen Therapieverzicht bei bestimmten Situationen am Lebensende. Das Vorliegen einer solchen Verfügung allein erhöht schon die Ablehnungsrate von Angehörigen, wenn es um Organspende geht. Wir haben es da in den letzten fünf bis sechs Jahren mit einer Mentalitätsveränderung zu tun. Man will angesichts einer als supramaximal erlebten Medizin die Grenzen des eigenen Lebens zunehmend sehr deutlich selbst ziehen.

Aber was ist mit dem Patienten, der schwerkrank ist und nur durch ein Spenderorgan über-
leben oder gesunden kann? Welche Rechte hat er aus ethischer Sicht?
Jeder Kranke hat bei uns das Recht auf eine dem Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechende Behandlung, und die Transplantation ist ein etabliertes medizinisches Verfahren, mit dem wir in bestimmten Bereichen sehr, sehr gute Erfolge erzielen. Bei Leber und Niere etwa ist es so. Herztransplantationen sind zwar spektakulär, aber aufgrund verbesserter Früherkennung immer seltener erforderlich. Lungentransplantationen sind in Deutschland eher selten, können aber überlebensnotwendig sein. Ich kenne eine junge Patientin von Ende 20, die unter einer schweren Form von Mukoviszidose leidet und eine kombinierte Lungen-Nieren-Transplantation benötigt. Der muss man sagen, wir haben absehbar – aufgrund des Organmangels – eigentlich keine Behandlungsoption und schlagen vor, sie palliativ zu sedieren, wenn es schlimmer wird, also mit Medikamenten so ruhigzustellen, dass sie Schmerzen und Ängste beim Sterben nicht merkt.

Das heißt dieser Patientin kann, weil keine Transplantation möglich ist, nur noch das Sterben erleichtert werden?
Richtig, und das ist aus meiner Sicht ethisch keine Option.

Gibt es in so einem Fall ein Recht auf ein Spenderorgan?
Durchaus. Solange wir sagen, wir haben ein Transplantationssystem und wollen uns nicht vollständig daraus verabschieden, sage ich: Ja, das Recht besteht. Allerdings stoßen wir da auch auf ein systematisches Problem: Die Transplantation postmortaler Organspenden ist nur möglich in einer Situation, die wir unter allen Umständen zu vermeiden suchen, nämlich bei Hirntod. Wir tragen Helme beim Radfahren, wir haben Airbags im Auto, wir haben moderne Therapieformen nach einem Schlaganfall und wir haben eben die Patientenverfügungen – das heißt, wir haben immer mehr passive Sicherheit, und das ist natürlich erwünscht. Andererseits haben wir dadurch immer weniger Hirntote, die als potenzielle Organspender in Frage kommen. Nach Alternativen wird deshalb ja fieberhaft gesucht. So ist die Wissenschaft schon weit fortgeschritten, wenn es darum geht, Tierorgane durch gentechnische Eingriffe zu humanisieren. Auch in Deutschland wird daran gearbeitet, irgendwann Schweinenieren für Menschen zu züchten. Da werden Grenzbereiche betreten, die lange tabu waren. Das zeigt mir, wie hoch wir auch hierzulande das Recht des Patienten auf eine angemessene medizinische Versorgung ansetzen.

In anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich gilt, dass nicht nur bei Hirntod, sondern auch bei irreversiblem Herz-Kreislaufstillstand Organe entnommen werden können. Auch das erhöht die Spenderzahlen. Sollte man es auch in Deutschland so machen?
Aus ethischer Sicht spricht dann nichts dagegen, wenn der Herz-Kreislauf-Tod nach ganz festgelegten Kriterien und unter kontrollierten klinischen Bedingungen festgestellt wird. Ich sehe aber eine Hauptschwierigkeit. Wir haben ja jetzt schon eine ausufernde Diskussion, ob der hirntote Mensch wirklich tot ist. Das Gehirn können Sie aber nicht reanimieren, während Sie den Herztoten unter Umständen reanimieren können. Da stellt sich dann die Frage: Ab wann kann jemand als Spender nach Herztod gelten? Mit Sicherheit nicht das stark unterkühlte Kind, das könnten wir auch nach vielen Minuten oder sogar Stunden noch mit gutem oder akzeptablem Ausgang reanimieren. Und was ist nach wiederholter Herz-Lungen-Wiederbelebung in der Klinik? Da haben wir dann wahrscheinlich schon geschädigte Organe, deren Durchblutung mehrfach unterbrochen war. Es braucht einen beobachteten Herztod bei einem Menschen, der als Organspender in Frage kommt und von dem man weiß, dass eine Wiederbelebung keine Erfolgsaussicht hat. Eine solche Reform halte ich in der allgemeinen Glaubwürdigkeitskrise der Medizin hierzulande für politisch kaum umsetzbar.

Zumal die Politik das Thema Organspende ja bisher ohnehin nicht anfasst.
Richtig, die Debatte wurde in der Vergangenheit regelrecht tot gemacht. Ich habe das selbst erlebt, weil wir im Rahmen der Novellierung des Transplantationsgesetzes sehr stark auf eine Widerspruchslösung gedrungen haben. Das wurde politisch abgeschmettert mit der Aussage: „Wir wollen keine neue Diskussion über den Hirntod.“

Wenn das geltende Transplantationsrecht so ist, dass es das Recht der von Ihnen genannten unheilbar kranken jungen Frau auf rettende Spenderorgane nicht erfüllen kann, gleichzeitig aber der politische Wille fehlt, diese Lage zu ändern – müssten diese Frau oder ähnlich Betroffene nicht die Chance haben, ihr Recht einzuklagen? Wie könnte das gehen?
Eine schwierige Frage, ich bin kein Verfassungsrechtler. Jedenfalls haben wir gemäß den Leit-
linien des Länderverbunds Eurotransplant in Deutschland mit einer Spenderquote von unter zehn Menschen pro einer Million Einwohnern kein strukturiertes Transplantationswesen mehr. Eigentlich könnten wir damit, wenn alle anderen Eurotransplantmitglieder zusammenhalten, aus dem System hinausfliegen, weil wir mehr Organe aus anderen Ländern bekommen als wir diesen geben können. Allein die Tatsache, dass das droht, könnte man als Politikversagen und Organisationsverschulden bewerten: Denn es kann doch nicht sein, dass Deutschland kein Transplantationssystem aufbauen kann, das Eurotransplant-würdig ist. Man würde dann auf Veränderung der Rechtslage klagen – bis zum Bundesverfassungsgericht, unter Verweis auf das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder gar die Menschenwürde. Die Erfolgsaussichten kann ich nicht einschätzen, aber die Idee ist durchaus charmant.

Zum Schluss: Was wünscht sich der Medizinethiker in Bezug auf das deutsche Transplantationssystem?
Tätig werden sollte zunächst mal die Kultusministerkonferenz. Das Thema Organspende muss in die Lehrpläne der Schulen aufgenommen werden, damit es jedem Bürger im Laufe seiner schulischen Ausbildung umfassend nahegebracht wird. Denn ich sehe gerade bei Schülern und Studierenden eine erhebliche Bereitschaft zur Auseinandersetzung damit, aber sie sind allein gelassen. Es gibt inzwischen an der Uni Mainz und auch an vielen anderen Unis die Studentengruppen „Aufklärung Organspende“, die spendenfinanziert in Schulen über das Thema sprechen, doch damit leider ganz häufig bei den Schulleitungen abblitzen. Diese Initiative müsste von den Kultusministern direkt ausgehen. Schritt zwei wäre die Einführung einer Widerspruchslösung mit Informationspflicht. Die schulische Bildung wäre bereits ein Element darin. Auch sollte die Transplantationsmedizin stärker auf Zentren konzentriert werden, die dann besser ausgestattet werden müssten. Vor allem wünsche ich mir eine Kultur, in der Organspende endlich positiv besetzt ist. Wenn die großen Spendengalas im Fernsehen irgendwann auch mal Organspenden und nicht mehr nur Geldspenden zum Thema machen würden, wären wir einen Riesenschritt weiter.

Interview: Ursula Rüssmann

 

Quelle: Frankfurter Rundschau  /  2018-04-24

http://www.fr.de/wissen/organtransplantation-der-menschliche-koerper-wird-nicht-verstaatlicht-a-1492468,0#artpager-1492468-2

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